Mut zum Experiment bewiesen
Blasmusik: 35. Osterkonzert des Musikvereins Röllfeld begeistert rund 300 Zuhörer zwei Stunden lang
Klingenberg-Röllfeld
Seit 20 Jahren lässt sich Franz Pilzweger, Präsident des Musikverbandes Untermain, kaum ein Osterkonzert des Musikvereins Röllfeld entgehen, und nach zwei Stunden Blasmusik vom Allerfeinsten in der Hemmelrath-Turnhalle war er am Sonntag genau so begeistert wie die rund 300 Zuhörer.
Gute Nachwuchsarbeit, ein kompetenter und experimentierfreudiger Dirigent Thomas Schmitz und ein Programm, das Liebhaber traditioneller Blasmusik genau so zufrieden stellt, wie es Liebhaber anspruchsvoller symphonischer Musik für Blasorchester Jahr für Jahr jubeln lässt – die Zutaten für das Erfolgsrezept stimmten auch bei der 35. Auflage des Konzerts in der Halle, in die mit einem Blumenmeer der Frühling Einzug gehalten hatte.
Spürbar viel Spaß
Spürbar viel Spaß machte Thomas Schmitz die Leitung der Jugendkapelle. Die rund zwei Dutzend Mädchen und Jungen – der weibliche Anteil war auch ohne Quote erfreulich hoch – bewiesen bei ihrem Auftritt, dass sie die »Philosophie« des MV Röllfeld längst verinnerlicht haben: Auch sie boten mit dem »Bergkönig« aus Griegs »Peer-Gynt«-Suite symphonische Programmmusik mit viel Dynamik und punktgenauen Einsätzen, zeigten mitreißendes Temperament beim »Let’s twist again« und bewältigten das anspruchsvolle Beatles-Medley zwischen »Hey Jude« und »Get back« mit Qualitäten, die auch die »Großen« auszeichnen. Einen Sonderbeifall erhielt der siebenjährige (!) Schlagzeuger Benjamin Engel für sein Bühnendebüt.
Was dann folgte, hat dem Osterkonzert des MV Röllfeld seit 22 Jahren seinen Stempel aufgedrückt: die witzige, unterhaltsame und erfrischend lockere Moderation des Thomas Grein, der sich im nächsten Jahr »nur« noch auf die Musik konzentrieren will. Befreites Lachen und Szenenbeifall bewiesen ihm einmal mehr, dass er am Mikrofon immer den richtigen Ton findet.
Eurovisionsfanfare zum Einstieg
Diesen richtigen Ton fand wieder einmal auch das rund 40-köpfige Blasorchester. Vor der Pause gab es drei Originalwerke für Blasmusik – ein Genuss für Feinschmecker. Die Eurovisionsfanfare erklang im mächtigen Einstieg, in Curnows »Fanfare and Flourishes«, ein Stück, das unter Schmitz’ eleganter und präziser Leitung genau so souverän bewältigt wurde der Paso Doble »Fandango Fantasy«, dessen Schwung und Temperament die Röllfelder überzeugend auf die Bühne zauberten.
In Ted Huggens »Reflections of this time« bewiesen die Musiker, dass Blasmusik mit Klassikanklängen sehr reizvoll sein kann, wenn man ein so geschlossenes Klangbild zustande bringt wie der MV Röllfeld. Mit viel Sinn für Tempo und Dynamik gestaltete das Orchester den temporeichen Eröffnungssatz genau so überzeugend aus wie das einschmeichelnde »Blue Air« und spielte dabei seine Fähigkeit voll aus, die einzelnen Instrumente glänzend zur Geltung zu bringen, ohne dabei den geschlossenen Ensembleklang zu vernachlässigen.
Populäres nach der Pause
Nach der Pause kamen all diejenigen voll auf ihre Kosten, die es gerne ein bisschen populärer, ein bisschen publikumswirksamer haben. Beim »Africa« vertauschte Schmitz den Dirigentenstab mit der Klarinette, das »Mary-Poppins«-Medley zwischen »Mit ’nem klein’ Stückchen Zucker« und »Superkalifragilistisch« setzte Schwung und Reiz des Musicals und der Verfilmung nahtlos in Töne um, eine Folge von Filmmelodien, durch Bildeinblendungen untermalt, nahm das Publikum mit auf eine Reise von der »Brücke am Kwai« bis zum »Dschungelbuch« und »Raumschiff Enterprise« und bewies einmal mehr, dass die Röllfelder Musiker die bruchlosen Übergänge zwischen den Titeln mit traumwandlerischer Sicherheit beherrschen.
Irische Folklore, rhythmisch sicher, sauber intoniert und mit großem Temperament bot die Fassung des »Lord of the Dance«, wobei sechs junge Frauen des Röllfelder Karnevalclubs mit einer Tanzeinlage vor der Bühne einen stilvollen Akzent setzten. Mit Fu?iks Marsch »Die Regimentskinder« begann der letzte Teil samt Zugaben, der noch einmal alle Blasmusik-Traditionalisten jubeln ließ: Mit dem »Fliegermarsch« und einer stimmungsvollen böhmischen Polka endete ein Konzert, das schon Appetit auf das nächste Jahr macht.
Heinz Linduschka
